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Arbeit und Struktur

„Sturm und Wolkenbruch. Ich laufe in meiner Wohnung herum, um der Reihe nach durch alle Fenster zu sehen und mich zu freuen.“ Wolfgang Herrndorf, 6.10.2012.

Noch während ich das Buch "Arbeit und Struktur" lese, weiss ich, dass ich es - sobald zu Ende - in Endlosschleife gleich wieder von vorne beginnen werde. So beeindruckend ist die Einsicht in das Tagebuch von Wolfgang Herrndorf.

Wenige Wochen nachdem bei ihm ein unheilbarer Hirntumor diagnostiziert wurde, eröffnete der Autor seinen Blog, in welchem er seinen Alltag mit der Krankheit mal lakonisch, mal zynisch, mal sarkastisch, mal humorvoll und mal verzweifelt kommentiert. Kurz nach Herrndorfs Selbstmord im August 2013 wurde der komplette Blog in Buchform veröffentlicht.

Das lässt mich Parallelen zu meinem eigenen Blog/Buch ziehen, nur mit dem bedeutenden Unterschied, dass er das Todesurteil erhielt und ich nur eine leichte „Strafe auf Bewährung“. Bei Herrnsdorf geht es ernsthaft um Leben und Tod und das macht umgehend jeg…

Spinat und Tattoos

„Spinat macht Muskeln“, sage ich zu Lianne beim Abendessen, wohl ahnend, dass der Slogan bei Sechzehnjährigen kaum dieselbe Wirkung haben wird bei Kleinkindern.

„Und ein Anker-Tattoo am Unterarm?“, fragt sie frech.

Grippe

Jetzt auch das noch. Was für eine fiese, hinterlistige, unerwünschte, sinnlose Krankheit. Eine Woche sieche ich mit hohem Fieber im Bett dahin. Mein Körper hat dieselbe Temperatur und Konsistenz wie das Bett unter mir und die Decken über mir. Ich bin eine Decke. Bin ich bei Bewusstsein? Ich deliriere unter Lagen von Decken vor mich hin, abwechselnd von unerträglichen Schweissausbrüchen geplagt und von Eiskaltfrösten geschüttelt. Ich huste mir die Lungen wund und schnäuze Unmengen grüngelblichen Rotz (Hirnmasse?) ins Nastuch. Dann diagnostiziert der Arzt Bronchitis und Anfänge einer Lungenentzündung und verschreibt Antibiotika. Umgehend geht es mit mir bergauf und schon eineinhalb Tage später koche ich, fange an, den Wäscheberg abzuarbeiten, jäte Unkraut im Garten, sähe Basilikum aus und putze Fenster. Frühling! Hurra, ich bin von den Toten auferstanden!

Morgen werde ich wieder arbeiten gehen. Während ich fast zwei Wochen im Bett lag, haben viele meiner langjährigen Arbeitskollegen die…

Der Lotteriegewinn

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Was für ein Morgen! Donner, Blitz und Wolkenbruch. In den Strassen steht das Wasser – und der Morgenverkehr. Ich bin eine Stunde später als üblich unterwegs. Der Wecker klingelte um 5 Uhr 30, um 6 Uhr 30 schlug ich die Augen auf. Die Stunde dazwischen fehlt in meinem Leben, keine Ahnung, wohin sie verschwunden ist. Na ja, das ist nicht weiter tragisch, der Boss ist im Urlaub. Und trotz Weltuntergangswetter bin ich guter Laune.

Meine Stelle wird im Moment nicht gekündigt, das weiss ich jetzt offiziell. In dieser Lotterie habe ich ein gutes Los gezogen. Andere leider nicht.

Viele Mitarbeiter wissen schon, ob sie auf der schwarzen Liste stehen. In den Kaffeeküchen oder der Kantine schauen sich nun alle fragend und eine Sekunde länger als üblich an, als suche man ein Zeichen auf der Stirne des Gegenübers.

Eine gute Kollegin, die vor 18 Jahren wenige Monate vor mir ihre Stelle hier antrat, hat eben erfahren, dass ihr Team wegrationalisert wird. Einst hatte ich sie beneidet, weil ich gerne…

Der Kasuarien-Kreis

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Meine Heim-Laufrunde führt durch den Ya’ar Ilanot. Dieser botanische Park, den die Israelis grosskotzig „Wald“ nennen, begeistert mich immer wieder, obwohl ich ihn schon unzählige Male durchquert habe.

Wie alle Parkanlagen in Israel wird auch Ya’ar Ilanot vom KKL (Keren Kayemeth LeIsrael - Jewish National Fund) unterhalten. Der KKL Fonds, so belehrt mich Wikipedia, wurde 1901 am fünften zionistischen Kongress gegründet, ursprünglich um Landkäufe im damaligen Palästina zu ermöglichen. Während den darauffolgenden Jahrzehnten war der Fonds an der Pflanzung des ersten Waldes, am Bau des ersten Kibbutz und sogar an der Gründung der Stadt Tel-Aviv beteiligt. Heute ist er vor allem für den Unterhalt der zahlreichen Parkanlagen in Israel zuständig.

Dass der KKL Fonds für die Juden in der Diaspora eine besondere Bedeutung hatte, erfahre ich von meiner Schwiegermutter. Eine KKL-Sparkasse ist einer der wenigen Gegenstände, die ihre Familie nach Israel retten konnte, als sie in den Fünfziger Jah…

Spaziergang am Meer

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Die zauberhaften Winterlandschaften in der Schweiz vermisse ich sehr. Die Stille, das Glitzern des Schnees, das Knirschen der Schuhe auf vereisten Wegen, Schneeklumpen, die leise von verschneiten Tannen fallen, die kalte Nase...
Gegen die Wehmut hilft ein Spaziergang am winterlich stürmischen Meer. Das ist ganz anders, aber mindestens ebenso reizvoll und magisch beruhigend.


Seltsam, seit ich lauthals verkündet habe, diesen Blog nicht mehr weiter zu führen, sprudle ich nur so über mit Ideen für Blogbeiträge. Kaum zu glauben, aber kurz nach dem der Entschluss gefallen war, hatte ich einen Schwall fertig ausgedachter Beiträge in der Pipeline.

Da bin ich wieder

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Ein Rauschzustand

Wir fahren ohne jegliches Zeitgefühl durch die Nacht. Der kalte Fahrtwind schlägt mir ins Gesicht, ich lege meine Wange an die Jacke vor mir, die würzig-herb nach Leder, After-Shave und Motorenöl riecht. Die Nacht riecht kühl. Schon viele Stunden sind wir unterwegs, ohne anzuhalten. Während ich mich schläfrig an den Rücken vor mir schmiege, lenkt der Fahrer immer noch mit grosser Konzentration und Geschicklichkeit seine Maschine. Wir fahren schnell, der Motor unter mir vibriert und ich vibriere mit. Meine Beine, mein Rumpf, meine Arme, mein Kopf: Eine Masse in vibrierender Schwingung, der ich nicht entkommen kann. Ich sitze schon so lange auf diesem Motorrad, dass ich eins mit ihm geworden bin. Ich weiss nicht mehr, wo meine Beine aufhören und wo die Maschine anfängt. Das stetige Surren verbindet die Maschine, meinen Körper und den des Fahrers und vereint uns zu einem einzigen, zusammenhängenden Gegenstand, der durch die nächtliche Landschaft fliegt.

Der Motorenlärm, …