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Alles neu

Alles kommt einmal zu Ende. Der Bautrupp ist endlich abgezogen, wir putzen, räumen auf und lecken unsere Wunden. Resultat: ein neu gefliester Balkon, neu gestaltete Schlafzimmer, ein modern gestyltes Badezimmer, eine krumm angebrachte WC-Schüssel, 500 neue graue Haare.

Onleihe

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Heute verbringe ich zweimal eine halbe Stunde beim Autofahren. Das Schöne daran: über die Lautsprecher, die per bluetooth mit meinem Smartphone verbunden sind, höre ich ein Audiobuch. Das Buch habe ich auf der „onleihe“-App heruntergeladen. Dazu muss man auf einer beliebigen online-Bibliothek registriert sein, zum Beispiel bei der Goethe-Bibliothek. Audio-Bücher gibt es zwar auch auf der Kindle-App, dort aber nur gegen Bezahlung. Bei onleihe hingegen kann man die Audio-Bücher kostenlos für sieben Tage ausleihen. Nun höre ich „Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier. Dieser verblüffende Roman erzählt die Geschichte von Winston Churchill und Charlie Chaplin, deren Freundschaft auf einem gemeinsamen Feind basiert: Depression und Suizidgedanken. Die Audio-Version des Romans wird vom Autor Köhlmeier selbst gesprochen und so vergeht die Zeit beim Fahren wie im Flug. Wo immer ich ankomme, bereue ich fast, mein Ziel erreicht zu haben. Am liebsten würde ich nach Norden an die libanesisc…

Unterwegs

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Besuch bei E im Heim für Holocaust-Überlebende

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So langsam verstehe ich, wie das in der psychiatrischen Klinik läuft: die Patienten werden, aus welchem Grund auch immer, mehr oder weniger gesund eingeliefert und nach und nach werden sie gebrechlich, schwach und pflegebedürftig. Und wahnsinnig. Es scheint ausnahmslos ein unaufhaltsamer Prozess zu sein, an diesem traurigen Ort. Schlussendlich vegetieren alle Insassen hoffnungslos und gebrochen den ganzen Tag am Gemeinschaftstisch vor sich hin, bis sie zur Nachtruhe weggerollt werden. Nun sitzt auch E., die anfangs dieses Jahres - noch neu im Heim - ganz wacker auf den Beinen war und selbständig durch die Gänge spazierte, abgemagert, schwach und zitternd im Rollstuhl. Sie kann sich kaum aufrechthalten und als ich eintreffe, hat sie gerade ihren Kaffee verschüttet. Ich frage sie, wie es ihr geht und sie antwortet „miserabel“. Ihre Beine sind magerer als meine Unterarme und nun hat man ihr auch noch das schüttere graue Haar kurzgeschoren. Sie sieht elend aus. Traurig. Ein Leben ohne Li…

Göttertrank

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Kühle zwölf Grad erwarten mich während meiner Laufrunde an diesem Freitagmorgen. Der Himmel ist grau verhangen und es nieselt leise und ununterbrochen. Im Yaar Ilanot schützen mich die hohen Baumkronen vor dem Regen. Ich atme die frische Waldluft tief ein, meine Schritte knirschen auf dem feuchten Kiesweg, es riecht nach Nässe und Feuchtigkeit. Fast wähne ich mich in Europa.

Wäre da nicht diese Orange, die ich beim Laufen im Orangenhain vom Baum pflücke. Ich drücke und quetsche die noch harte Frucht und reisse mit blossen Händen ein Loch in die Schale. Dann presse ich mir den erfrischenden, säuerlichen Saft direkt in den Mund. Nektar und Ambrosia! Ahh Israel!


Die Baustelle

Bei uns zuhause herrscht der Ausnahmezustand. Ich weiss nicht, ob das andernorts auch so ist, aber in Israel scheint Bauen eine äusserst unexakte Wissenschaft zu sein. Da stellt man sich etwas vor, trifft sich mit dem Bauleiter, macht Pläne und dann kommt von der ersten Minute an alles anders als geplant. Das ganze Projekt ist nichts als eine Anhäufung unvorhergesehener Notfälle, die irgendwie aus dem Stegreif gelöst werden müssen. Und wie ich schon in früheren Bauprojekten erfahren habe, scheint auch dieser Baumeister von seiner Arbeit nicht die geringste Ahnung zu haben. Als gäbe man einem zufällig aufgegriffenen Menschen die Aufsicht über eine komplizierte Herzoperation. Oh, hier blutet es – was machen wir jetzt?

Wenige Stunden nachdem die Bautruppe mit Abbruch-, Meissel- und anderen Geräten bei uns eintrifft, herrscht im ganzen oberen Stockwerk ein heilloses Durcheinander. Nur in unserem eigenen Schlafzimmer versuchen wir verzweifelt, die Oberhand über Dreck und Staub zu bewahre…

Kopfgymnastik

„Schreiben? Einfach! Nur die Buchstaben in die richtige Reihenfolge bringen“ behauptet der Autor Christoph Poschenrieder, von welchem ich "Die Welt ist im Kopf" gelesen habe, auf seiner Webseite.

Diese Aussage ist selbstredend für einen Sprachkünstler. Aber leider verkümmert eine Sprache, wenn man sie nicht gebraucht, sogar die Muttersprache. Und wenn Wortschatz, Grammatik und Satzstellung immer weniger selbstverständlich sind, wird Schreiben alles andere als einfach.

Einer der Gründe, warum ich schreibe – Tagebuch oder blog oder was auch immer - ist das verzweifelte Bestreben, mein deutsches Sprachvermögen nicht allzusehr einrosten zu lassen. Leider habe ich in den letzten dreissig Jahren kaum Gelegenheit, deutsch zu sprechen und das Lesen macht den Sprachverlust nicht wett. Deshalb ähneln meine Schreibversuche in etwa meinen Yoga-Übungen, die recht linkisch daherkommen. Aber immerhin falle ich nicht gleich hin, wenn ich auf einem Bein stehe.

Wie im Yoga möchte ich mich …

Grosse und kleine Katastrophen

Unterdessen habe ich schon wieder eine Mammographie, Ultraschalluntersuchung und Stanzbiopsie zur Gewebeentnahme hinter mir. Während der Stanze liege ich halb erfroren und steif vor Angst auf dem Bett. Ich mag gar nicht daran denken, was es bedeuten könnte, wenn ich so schnell nach der letzten Behandlung jetzt schon wieder Krebs habe...

Nun warte ich auf den Befund. Die Tage sind von Angst, Sorgen und schlaflosen Nächten geprägt.

Während unseres Urlaubs im Oktober vergingen die Tage so schnell, dass wir ruckzuck schon wieder den Rückflug antraten, kaum dass ein bisschen Urlaubsstimmung aufkam. Je mehr ich versuchte, die Tage bewusst zu geniessen und hoffte, es würde nie zu Ende gehen, desto schneller tickte die Uhr.

Jetzt hingegen, während ich auf den Befund der Biopsie warte, scheint die Zeit stillzustehen. Es ist die längste Woche meines Lebens. Meine Tage sind vollgepackt mit Aktivitäten: bis Itay einrückt, habe ich drei Kinder zuhause, die mich auf Trab halten, wir haben angefang…

Militärdienst

Letzten Dienstag haben wir unseren Sohn für die nächsten Jahre dem Militär übergeben. Ein sehr eindrücklicher und aufregender Anlass, denn in Israel rücken die jungen Leute nicht einfach alleine ein, sondern sie werden meistens von der ganzen Familie mit viel Lärm und Tararam (jidd., Aufheben) im Rekrutierungsamt abgegeben. Wenn die jungen Frauen und Männer dann aufgerufen werden und den schicksalshaften Bus besteigen, der sie zur Ausmusterung bringt, begleiten sie die Angehörigen mit Rufen und allgemeinem Lärm und bewerfen sie mit Süssigkeiten. Einige Familien bringen Darbuka-Trommeln mit und tragen so noch zur grossen Aufregung bei, die hier herrscht.

Den Satz von Woody Allen "Ich muss lachen, sonst bringe ich mich um" habe ich in einem früheren Beitrag schon einmal zitiert. Heute morgen trifft diese Aussage den Nagel auf den Kopf. Niemand freut sich, dass sein Kind ins Militär einrücken muss. Kein junger Mensch hätte nicht gerne die Alternative, in einem friedlichen und s…

Sonnenuntergang beim Wochenendlauf

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Verdacht

Wie vom Blitz getroffen taumle ich aus dem Brustzentrum. Dr. S hat einen neuen Knoten ertastet, jetzt in der linken Brust. Eventuell nur harmloses Brustgewebe, murmelt der Chirurg, aber er scheint selbst nicht davon überzeugt zu sein, sonst würde er mich wohl kaum gleich an Mammographie und Ultraschall weiterleiten und schriebe auch noch ‚dringend‘ in die obere Ecke. Im Brustzentrum selbst gibt es leider gerade keine freien Termine für die Untersuchungen, bestimmt nicht heute und nicht einmal in den nächsten Wochen. Das Krankenhaus scheint von einem Brustkrebs-Tsunami überrollt zu werden. So finde ich mich bald wieder draussen, bevor ich noch richtig begreife, was hier eben passiert ist. Beim Verlassen des Krankenhauses bin ich so verwirrt, dass ich vergesse, die Parkgebühr zu bezahlen und erst als ich mit dem Wagen vor der geschlossenen Schranke stehe, erwache ich aus meinem Schockzustand.

Ich werde in einem anderen Institut einen Termin suchen müssen, die Krankenkasse wird die Koste…

Kakerlake Teil 2

Schlussendlich ging alles ganz schnell: Keine Ahnung, wie ich es schaffte, das Tier mit einem einzigen sicheren Schlag meines Schuhs ausser Gefecht zu setzen. Dann musste ich mich noch überwinden, um die widerliche Leiche aus dem Wagen zu befördern, und schon brauste ich an den Bahnhof. Nur werde ich seither den Gedanken nicht los, dass weitere Kakerlakenexemplare auf meiner Kopflehne oder unter dem Bremspedal warten, um mich jeden Moment aus dem Hinterhalt anzuspringen.

Nachkontrolle

Diese Woche steht die Nachkontrolle im Brustzentrum an. Seit der OP ist schon mehr als ein halbes Jahr vergangen und obwohl für mich damals mit dem Krebsbescheid eine Welt zusammenbrach, kommt keine Panik auf. Ich fühle mich schon wieder viel zu sicher. Nicht mehr im Sinne von „mir passiert schon nichts“, diesen Satz habe ich endgültig aus meinem Vokabular gestrichen, sondern eher: “alles kann passieren, heute noch, morgen schon, lass dich nur nicht aus der Bahn werfen“.

Die kranke Yael? Zu ihr habe ich ein Beziehung, wie zu einer ehemaligen Klassenkollegin: Wer war das schon wieder? Ach ja, die mit dem Brustkrebs! Einmal war sie meine beste Freundin, aber dann haben wir uns aus den Augen verloren. Keinen Kontakt mehr. Nur wenn ich mich anstrenge, kann ich mich noch vage an sie erinnern.

Fast bin ich wieder soweit, zu glauben, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Ich und Krebs? Das sind zwei Worte, die nicht zusammengehören.

Paella mit Freunden

Am Freitag treffen wir uns zum Abendessen mit Freunden. Über einer schmackhaften Paella führen wir gehaltvolle Gespräche bis spät in die Nacht. Kaum zu glauben, dass viele unserer Kinder schon den dreijährigen Militärdienst abgeschlossen haben. ‚Drei Jahre‘, sagt meine Freundin, deren Sohn erst gerade vor einigen Tagen die Uniform zurückgegeben hat, ‚drei Jahre, die sich anfühlen wie zehn‘. Jetzt bleiben uns nur noch einige Nachzügler, die auch bald einrücken werden. Von Generation zu Generation wird die Hoffnung israelischer Eltern, dass Friede herrschen wird, bis ihr Kind an der Reihe ist, von neuem enttäuscht. Ende Monat rückt mein Sohn ein. Jetzt wird es wirklich höchste Zeit, den Nahostkonflikt zu lösen. Einige Gläser Wein und wir sind sicher, das Patent zum sicheren Frieden in der Region gefunden zu haben. Leider haben wir es am nächsten Morgen wieder vergessen...

Kakerlake Teil 1

Es ist neun Uhr abends, ich muss Eyal vom Bahnhof abholen, sein Zug fährt bestimmt gleich ein, während ich hier an einer grossen Kreuzung vom Rotlicht aufgehalten werde. Ich höre Musik und betrachte müde und in Gedanken versunken im Dunkeln die Autofahrer, die neben mir wartend in ihren Wagen sitzen.

Plötzlich huscht über das Armaturenbrett meines Wagens eine Riesen-Kakerlake! Sofort bin ich hellwach und in absoluter Panikstimmung: ein ekliges, widerliches braunes Ding von mindestens sechs oder sieben Zentimeter Länge! Hier, mit mir im Wagen! Alarmstufe 10, in meinem Kopf kreischen Sirenen, mein Puls steigt auf 180! Was nun? Ich kann kaum mehr klar denken, versuche aber trotzdem eiligst eine Lösung zu finden. Den Wagen mitten auf der Kreuzung verlassen? Kommt wohl kaum in Frage. Und sonst? Ich bin mit diesem Biest im Wagen eingeschlossen, ohne Fluchtmöglichkeit! Gleich wird es mich anspringen, oder unter meine Füsse hüpfen, um dann meine Beine hochzuklettern! Ich mache, was wohl je…

Danke

Ich besuche E. im Heim. Nach zwei epileptischen Anfällen hat sich ihr Zustand radikal verschlechtert, sie spricht kaum noch, sitzt im Rollstuhl und schaut mit leerem Blick vor sich hin. Ich weiss nicht, was sie noch wahrnimmt und was nicht. Heute ist ihr Geburtstag, aber bis ich sie daran erinnere, weiss sie nichts davon. Auf meine Frage, wie alt sie ist, antwortet sie “58”, dabei ist sie 72.

Trotzdem bringt sie es auch bei diesem Besuch fertig, mich zu berühren: “vielen Dank für deinen Besuch”, sagt sie in reinstem Deutsch und in einem Augenblick absoluter Klarheit, als ich mich verabschiede.

The Swiss experience

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In der Schweiz treffen wir auch unseren Sohn Itay für einige Tage. Nach einem Jahr in der “Milchfabrik Kibbutz”, wo aus mehreren hundert Kühen je 40 Liter Milch am Tag gequält werden und bevor er demnächst für mindestens drei Jahre im israelischen Militär Staub schlucken wird, erlebt er im Landdienst bei einem Bauern im Berner Oberland “the ultimate Swiss experience”. Auf dem kleinen Hof gibt es kaum zwanzig Kühe und diese werden tagelang liebevoll geputzt und gestriegelt, um sie dann mit Glocken zu behängen und mit ihnen an eine Viehschau zu ziehen. Dazu trägt Itay natürlich Edelweisshemd, wie es sich gehört.


Urlaub und wieder zuhause

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Unser Urlaub in Barcelona und der Schweiz vergeht in Windeseile. Barcelona ist sehr vielfältig und interessant und die Schweiz besticht einmal mehr mit Postkartenansichten, wohin man nur blickt – wenn es einmal nicht grau und bewölkt ist. Während mich aber in Israel immer das "Heimweh" plagt, wird mir, sobald ich Schweizer Boden betrete klar, dass ich doch nicht mehr hierher gehöre. Alles ist so gewohnt und doch so fremd. So ist Urlaub in der Schweiz für mich immer auch eine reichlich anstrengende Auseinandersetzung mit mir selbst. Ich fahre, gehe, wandere, spaziere durch diese Landschaften, Dörfer und Städte und fühle, das bin hundertprozentig ich, ich bin aus diesem Holz geschnitzt und doch empfinde ich eine Unbehaglichkeit, als wäre ich ein Kuckucksei im fremden Nest. Wo bin ich eigentlich zuhause? Für welches Land schlägt mein Herz? Was bedeuten mir meine Schweizer Wurzeln? Was bedeutet dieses Land, in welchem ich schon bald dreissig Jahre nicht mehr lebe, für mich? Kön…

Fragen

Eine Krebserkrankung bringt für die meisten Betroffenen viele Fragen mit sich. Warum Krebs? Warum ich? Warum dies? Warum jenes?

Ich war schon vor meiner Brustkrebs-Erkrankung ein Mensch mit vielen Fragen und die Krankheit erschütterte in meinem Leben noch zusätzlich Einiges, von dem ich nie gedacht hätte, dass daran etwas zu rütteln wäre.

Und nun? Wie kann ich das Schlechte aussondern, ohne vorher mein Leben zu entflechten? Muss ich nun alles aufarbeiten? Lösungen finden? Forschen, bis alles schön säuberlich auf dem Tisch liegt und in die richtigen Schubladen einsortiert werden kann?

Nur etwas wird mir in den letzten Wochen immer klarer: dass ich mich mit vielen Fragen im Moment gar nicht auseinandersetzen möchte. Vielleicht macht es mir ein wenig Angst, Antworten zu finden, die ich nicht wahrhaben will und ausserdem habe ich eine leise Ahnung, dass es keinen Zustand der absoluten Klarheit gibt. Heute habe ich bei Rainer Maria Rilke einen wunderschönen Hinweis darauf gefunden, dass ich…

Geburtstag

Heute ist mein Geburtstag. Das hat für mich keine besondere Bedeutung, ausser dass die Uhr tickt und das unvermeidbare Ende wieder etwas näher rückt… Es ist nur eine Zahl, versuche ich mir einzureden, aber dass ich schon mehr als die Hälfte überschritten habe, ist unbestreitbar, selbst wenn mir ein langes Leben wie das von Shimon Peres vergönnt wäre. 
Ausserdem ist dieser absolut unspektakuläre Tag eingeklemmt zwischen einem langen Feiertagswochenende und unserer morgigen Reise nach Spanien und in die Schweiz. Ein vollgepackter Arbeitstag also, dann noch Besorgungen und Kofferpacken. Zum Feiern werde ich heute bestimmt keine Zeit finden, da der Grund dafür aber eine bevorstehende Urlaubsreise ist, macht mich das ganz und gar nicht traurig.
Während ich versuche, im Büro alles Notwendige nach- und vorzuholen, treffen auf meinem Smartphone schon frühmorgens die ersten Geburtstagswünsche ein. Gegen Mittag nimmt die Anzahl der Meldungen zu: über facebook, WhatsApp und Messenger gratulieren m…

Rückkehr nach Neutitschein

Es ist zwar nicht Holocaust-Gedenktag, sondern Neujahr, aber ich verschlinge an diesen Feiertagen das Buch “drei Leben” von Max Mannheimer.
Die nachfolgenden Sätze bringen mich dazu, das Buch zur Seite zu legen und eine Pause zu machen, aber erst, nachdem ich den Abschnitt mehrere Male gelesen habe.
Wie Phönix aus der Asche entsteigen Max und sein Bruder, die einzigen Überlebenden der Familie, der Hölle und haben wenige Wochen nach Kriegsende die Gelegenheit, in den Ort ihrer Kindheit zurückzufahren:

“Es war ein warmer Sommertag, die Sonne schien, der Himmel war hoch und blau, und in den Blumenkästen vor den Fenstern blühten die Geranien, ganz wie früher. Auf den ersten Blick hatte sich die Stadt nicht verändert. Sie war immer noch die hübsche Provinzstadt mit ihren schönen alten Fassaden und dem grossen Marktplatz, die wir zurückgelassen hatten. Dennoch war sie uns ganz und gar fremd geworden. Unsere Vergangenheit war daraus verschwunden. Bedrückt gingen wir durch die Strassen, vorb…

Guaranteed

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Heute wird beim Autofahren im Radio das Lied Guaranteed von Eddie Vedder gespielt. Ein faszinierender Song aus dem Soundtrack des Films “Into the Wild” von Sean Penn. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der nach dem Studium nicht den für ihn von Gesellschaft und Familie vorbestimmten Weg gehen will, sondern eine lange Reise unternimmt. Er sagt sich von materiellem Besitz los, reist und jobbt durch die USA und lebt zum Schluss alleine in der Wildnis Alaskas. Ja, zum Schluss, denn der Film endet nicht mit einem Happyend. Der junge Mann stirbt, ganz unspektakulär erliegt er aber nicht einem wilden Bären im Kampf und fällt auch nicht beim Fischen von einem hohen Wasserfall, sondern geht kümmerlich zu Grunde, weil er unwissend eine giftige Pflanze isst.
Ich habe den Film vor zwei, drei Jahren zusammen mit meinem Sohn gesehen und Itay identifizierte sich so sehr mit dem Helden, dass er ob dem erschütternden Ende in bittere Tränen ausbrach.

Natürlich denke ich, als ich das L…

Flügge

Mein neunzehnjähriger Sohn macht sich selbständig. Nach mehr als einem Jahr im Kibbutz, der ja eigentlich noch ganz in der Nähe lag, fliegt er heute für sechs Wochen in die Schweiz. Dort hat er aber nicht etwa vor, bei seinen Verwandten an den bekannten Orten auf der faulen Haut zu liegen, sondern er will die Welt entdecken. Ein Monat Landdienst bei unbekannten Bauern ist schon gebucht und um das Abenteuer perfekt zu machen, hat er vor, in einer mehrtägigen Wanderung zu Fuss dorthin zu gelangen.

Dabei hat er von der Schweizer Geographie ungefähr soviel Ahnung wie ich von der Quantenphysik und unseren Vorschlag, uns im Internet etwas schlau zu machen, schlägt er in den Wind. Ich habe keine Ahnung, wie er vorhat, von A nach B zu gelangen und die Tatsache, dass er heute morgen fast den Flug verpasst, weil er in Tel-Aviv in einen falschen Zug gestiegen ist, lässt mich nicht gerade beruhigt zurück.

Beim Packen wird mir auch richtig bewusst, wie unterschiedlich wir beide ticken. Er nimmt nu…

Gedanken beim Badezimmer-Putzen

In einer idealen Welt, so stelle ich mir vor, gibt es keinen Krieg, keinen Hunger, keinen sinnlosen Hass, und alle, aber wirklich ausnahmslos alle Familienmitglieder helfen beim Putzen mit!

Max Mannheimer

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Gestern ist Max Mannheimer, einer der prominentesten Holocaust-Überlebenden und Repräsentant der Juden in Deutschland, im Alter von 96 Jahren verstorben. (Artikel in der "Zeit")

Sein Buch “drei Leben” hat mich vor einiger Zeit sehr beeindruckt. Nun lese ich es zum Gedenken gleich zum zweiten Mal.

Solidarität mit den Drusen

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Die drusische Stadt Daliat al-Carmel im Norden Israels organisiert einmal im Jahr einen sportlichen Anlass zur Erinnerung an die in den Kriegen gefallenen Söhne. Scharen von Teilnehmern (etwa 12’000) machen sich an einem Tag im September auf nach Daliat al-Carmel. Ein Grund dafür mögen die vielfältigen Lauf- und Rad-Wettbewerbskategorien sein, aber sicherlich noch viel mehr die Tatsache, dass die Israelis ihrer Dankbarkeit und der Solidarität mit den Drusen Ausdruck geben wollen.

Die drusische Religionsgemeinschaft umfasst etwas mehr als eine Million Mitglieder, welche grösstenteils in Syrien, teilweise im Libanon und mit etwas mehr als 100,000 Personen in Israel leben. Sie sehen sich als Araber, jedoch nicht als Muslime. Ihre Religion ist aus dem schiitischen Islam entstanden und da Praktiken und Einzelheiten der Religion der Drusen nicht außerhalb der Gemeinschaft bekannt sind, wird das Drusentum als Geheimreligion betrachtet. Kein Andersgläubiger kann sich der drusischen Religion …

Volles Haus

Im Anschluss an meinen letzten Beitrag muss ich sagen, dass ich zum Glück nicht allzu viel Zeit habe, an existenziellen Fragen über mein Leben herumzugrüblen. Im Moment wohnen bei mir zuhause nämlich wieder fünf erwachsene Personen, die allesamt sehr viel Arbeit ergeben.

Im letzten Winter ging es bei uns schon ganz gemächlich zu, nur noch Eyal und ich und unsere jüngste Tochter, die kaum ab und zu die Nase aus ihrem Zimmer streckte, teilten uns unser ruhig gewordenes Haus. Ich hatte so viel Zeit zur Verfügung, dass ich sogar beschloss, eine einsame Grossmutter zu “adoptieren”.

Nach abgeschlossenem Militärdienst  wohnt aber Sivan wieder zuhause und seit einigen Tagen ist sogar unser Sohn wieder da. Sein Freiwilligenjahr im Kibbuz ist zu Ende und ich habe das Gefühl, ich hätte eine Herde Soldaten im Haus: Gummistiefel, Wanderschuhe, Berge von schmutziger Wäsche, Rucksäcke und Werkzeug liegen im ganzen Haus verstreut und warten darauf, verräumt zu werden. Und wem zum Teufel gehören nur …

Plauschtag

“Meine” Firma organisiert einen Plauschtag für die Angestellten unserer Geschäftseinheit. Etwa 350 Personen werden ins nationale Sportinstitut 'Wingate' eingeladen, um sich bei gemeinsamen Aktivitäten besser kennenzulernen und ausserhalb des gewohnten Rahmens etwas Spass zu haben. Ich mag solche Grossanlässe nicht, kann mich aber leider nicht davor drücken, denn als einziger Streber im Büro zu sitzen, würde einen denkbar schlechten Eindruck machen.

Mein sonntägliches Laufgruppentreff lasse ich mir aber nicht nehmen und so laufen heute meine Kolleginnen und ich gleich im Sportinstitut. Nachdem ich schon einen belebenden Morgenlauf und ebenso erfrischende Dusche hinter mir habe, kommen gegen acht Uhr alle Mitarbeiter an, die gerne etwas länger schlafen. Nun wird auf grossen Buffets ein reichhaltiges Frühstück serviert und mittels Hochglanz-Broschüren verrät man uns, was heute genau auf dem Programm steht. Die Aktivitäten werden in fünf Stationen eingeteilt (Jesus durchlitt in de…

One More Cup Of Coffee

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Ist es das Lied, das mich verhext und in mir eine unerklärliche Sehnsucht weckt oder ist es der Vollmond in dieser hellen Nacht?
Bob Dylan & Emmylou Harris / One More Cup Of Coffee


Laufen

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Ich setze einen Fuss vor den andern, immer wieder. Die Arme schwingen mit, mein Körper arbeitet schwer, schwitzend, tief atmend. Augen, Nase, Ohren, alle meine Sinne damit beschäftigt, die Umgebung aufzunehmen. Ich bin alleine, mein Kopf ist leer. Kein Raum für Gedanken. Keine Ziele, Absichten und Aufgaben. Atemzüge, Herzschläge und das Knirschen des Kieses unter meinen Schritten ergeben einen gleichmässigen, rythmischen Kanon. Die Sonne ist eben erst aufgegangen, Nebel hängt noch auf den Feldern. Ich fühle mich lebendig und stark. Laufrunde am Samstagmorgen.


Roter Flieder

Kürzlich habe ich entdeckt, dass meine Amazon-Bücher-Wunschliste 43 Artikel umfasst. Eine kurze Kopfrechnung ergibt, dass ich auch bei Lesen eines Buches per Monat fast vier Jahre zur Abarbeitung dieser Liste benötigen würde, wobei ich nicht sicher bin, ob die Rechnung realistisch ist, solange sie Projekte wie “Die Tora: Die fünf Bücher Mose nach der Übersetzung von Mendelssohn, Moses. Mit den Prophetenlesungen im Anhang” enthält. Ganz abgesehen davon, sooft ich auch meinen Bücherturm von oben um ein gelesenes Buch kürze, wächst er von unten auf unerklärliche Weise immer wieder nach.

Na ja, es wäre dumm, sich von so etwas aus der Ruhe bringen zu lassen, aber es gibt doch bestimmte Bücher, die ich unbedingt lesen möchte und ich wäre froh, hätte ich mehr Zeit dazu.

Nun überwinde ich mich endlich “Roter Flieder” des österreichischen Autors Reinhard Kaiser-Mühlecker fertig zu lesen. Trotz überschwänglicher Kritiken, begeisterten Kundenrezessionen und einer eindrücklichen Liste an Liter…

Noch einmal “la pazza gioia”

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Als ich heute E. im Heim für Holocaust-Überlebende besuche, ist sie besonders quirlig und verwirrt, aber guter Laune. Wenn ich manchmal den Verdacht hege, dass die Heiminsassen konsequent Valium zur Beruhigung erhalten, denke ich heute, ob ihr wohl jemand die falschen Tabletten verabreicht hat. Sie ist sonst meistens ziemlich ruhig, aber heute spricht sie ununterbrochen und übertrifft sich mit ihren witzigen Aussagen immer wieder selbst. Meinen Vorschlag, draussen spazieren zu gehen, schlägt sie ab mit der Begründung, sie sei schon den ganzen Tag draussen gewesen. Ich weiss genau, dass das nicht möglich ist. Eine neue Angestellte fragt mich wer ich bin und E. kommt mir zuvor und stellt mich als “Professorin des Instituts….” vor.

Auf meine Frage, ob sie sich erinnern kann, wo sie an 9/11, zur Zeit der Terroranschläge auf die Türme des WTC heute vor 15 Jahren war, behauptet sie, in Manhatten selbst gewesen zu sein und erzählt mir auch gleich von ihren aufregenden Erlebnissen am Ort de…

Wochenend-Bilanz

0 Kilometer gelaufen (für Freitagabend Freunde zum Nachtessen eingeladen und deshalb schon ab frühmorgens mit Einkaufen, Vorbereiten und Kochen beschäftigt. Am Samstagmorgen nicht früh genug aus den Federn gekommen)

1 kaputter Rasenmäher (nach 12 Jahren treuem Dienst hat unser Rasenmäher abgedankt. Anständigerweise hat er am Freitag vor Ankunft der Gäste noch den ganzen Rasen fertig gemäht – dann zerbrochen)

20 –mal gesagt “ich muss endlich diese Fenster putzen”

150 Seiten in Reinhard Kaiser-Mühlecker’s “Roter Flieder” gelesen (bald habe ich die 624 - wird noch ganz spannend zum Schluss)

3’987’234 Kalorien gegessen (Abendessen mit Freunden, Wein, Kuchen und am Samstag, weil ich schon nicht laufen gegangen bin, ungebremst weiter gefressen)

La pazza gioia

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Wir sehen uns im Kino den italienischen Film “La pazza gioia” an. Ein intelligenter und nicht leichter Film, der nach lustigem Anfang an Tiefe gewinnt, wobei dem Zuschauer früher oder später das Lachen im Halse stecken bleibt. Über zwei unterschiedliche Frauen, die die Flucht aus einem Therapiezentrum ergreifen, auf der Suche nach dem Glück in dem Irrenhaus namens Realität. Über “Normale”, “Verrückte” und dem schmalen Grad dazwischen. Und mir persönlich teilt dieser Film vor allem mit: es ist nicht selbstverständlich, sich auf der Sonnenseite des Lebens zu befinden.

Die Erde, das globale Dorf

Als ich zwanzig Jahre alt war - vor vielen, vielen Jahren also – gab es einen netten jungen Mann in meinem Leben, der mir sehr gefiel. Er war witzig, hatte ein ansteckendes Lachen, ausserdem war er intelligent, charmant und vieles mehr. Wir waren einige Zeit zusammen und ich zog ihn definitiv in die nähere Auswahl für etwas Ernsthafteres. Die Sache hatte nur einen Haken: der junge Mann war auf Reisen, eigentlich lebte er in Kanada und dorthin verschwand er auch eines Tages wieder. Wir schrieben uns noch einige verzweifelte Briefe und das war es dann.

Mehr als zwei Jahrzehnte später – nun gab es schon Internet – entdeckten wir uns auf facebook. Bilanz: beide “glücklich” verheiratet, je drei Kinder. Wir wechselten ein paar Zeilen, überlegten uns wohl beide “was wäre, wenn…?” und lebten unser Leben weiter.

Heute morgen lade ich nach dem morgendlichen Lauftreff am Meer ein Foto von mir auf facebook hoch: Ich sitze in Laufklamotten hoch oben einsam auf der Klippe und unten streckt sich der k…

Rohrbruch

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Eigentlich hätte ich es mir ja denken müssen. Aus dem Duschkopf strömt schwach kaum die Hälfte des gewohnten Wasserstrahls und ich brauche eine Ewigkeit, um das Schampoo auszuspülen. Nichtsahnend verfluche ich die israelischen Wasserwerke. Danach fahre ich frisch geduscht und sauber zur Arbeit. Am späteren Nachmittag dann der Anruf: unser Nachbar, welcher zum Glück öfters rauchend im Garten sitzt, beklagt sich über Wasser, das von unserem höherliegenden Garten in den seinen strömt. Verflixt, das darf doch nicht wahr sein: schon der dritte Rohrbruch in den letzen zwei Jahren!
Wir sind gerade alle nicht zuhause und so wird der Nachbar gleich gebeten, bei uns den Hauptwasserschieber zu schliessen. Aber sobald ich eintreffe, sehe ich mir natürlich sofort die Bescherung an: unser Garten ist wieder einmal total verschlammt und an der Stelle, wo das Wasser mit grossem Druck aus dem Boden sprudelte, klafft ein grosses Loch. Wie erwartet, scheint das Rohr an der selben Stelle wie das letzte M…

Lagebericht

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Morgen ist der 1. September, endlich Schulferien-Ende und der erste Schultag in der neunten Klasse für meine jüngste Tochter. Die Vorbereitungen dazu laufen in den letzten Tagen auf Hochtouren: ihre Nägel sind frisch lackiert, sie besitzt eine neue Jeans und nach einigen Stunden beim Friseur sind ihre Haare glatt wie die einer Japanerin. Dem perfekten Auftritt am ersten Schultag steht also nichts mehr im Weg. Alles weitere ist im Moment nicht interessant. Ich wünsche viel Erfolg!
Mein Sohn schickt per Whatsapp ein Foto aus dem Kibbutz und schreibt dazu: wer hat Lust auf ein paniertes Schnitzel?
Er hat heute die Aufgabe, die toten Hühner in einem Eimer (oder vielen Eimern) einzusammeln…  Ja, in dieser Beziehung ist Israel noch ein Entwicklungsland und die Bedingungen sind katastrophal. Zwei meiner Kinder essen deshalb kein Hühnerfleisch mehr und auch ich habe vor, mit schlechtem Gewissen noch die Vorräte im Tiefkühler aufzubrauchen und dann keines mehr zu kaufen. Man kann es ethisch w…

Schlapp

Heute schreckt mich das Klingeln des Weckers um 04:45 aus dem Tiefschlaf und ich falle beinahe aus dem Bett. Es ist ja auch noch fast mitten in der Nacht. Dann stehe ich todmüde und mit Kopfschmerzen auf. Ich ziehe mich an fürs Lauftraining, meine Handlungen sind intuitiv und automatisch, da ich um diese Zeit noch nicht denken kann. Mein Gehirn befindet sich im Schlafmodus und so bleibt mir das Dilemma erspart, ob ich kneifen soll. Auf der Fahrt zum Treffpunkt döse ich weitere 15 Minuten (am Steuer!) und noch während der ersten Hälfte des Trainings kann ich den Gedanken, dass vielleicht hinter der nächsten Wegbiegung eine Matratze mit Kissen auf mich wartet, nicht verdrängen. Erst als es heller wird, finde ich mich damit ab, dass es mit Weiterschlafen heute wohl nichts mehr wird. Irgendwie schaffe ich auch die fünf Kilometer zurück, aber ich fühle mich schlapp, denn es ist ecklig feucht und drückend heiss. Laufen im Sommer macht einfach wirklich nicht immer Spass. Zum Glück werden wir…

Der Trafikant

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"Der Trafikant", von Robert Seethaler, lässt bei mir einen schalen Geschmack im Mund (oder eher im Kopf) zurück, trotz vielversprechendem Anfang. Ich drehe den Bissen noch etwas auf der Zunge, um mir klar zu werden, warum das so ist und vermute dann, dass das Thema “Nazizeit” ein Gebiet ist, an das man sich nicht unbedingt heranwagen sollte, wenn man keine besondere Beziehung dazu hat. Die Geschichte ist zwar gut geschrieben, enthält für mich aber zu viele Klischees und Ungereimtheiten und sagt schlussendlich nichts aus. Da hat mir das nachfolgende Buch "ein ganzes Leben" doch viel besser gefallen.

Swiss Love

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Fondue im Summer??? S'isch Summer, verdammt!...

Vorbereitungen für die Olympiade

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In wenigen Monaten wird es vier Jahre her sein, dass unsere Laufgruppe zustande gekommen ist. Vier Jahre, in welchen wir uns zweimal wöchentlich um 5:30 morgens (oder nachts, wie einige eher sagen würden) bei jedem Wetter zum Laufen treffen. Im Winter trotzen wir der Dunkelheit und der Kälte, ab und zu regnet und stürmt es und im viel zu langen Sommer, wenn wir das Gefühl haben, in einer feuchten Sauna zu laufen, sehnen wir uns nach dem Winter. Wir treffen uns in einem Naturreservat an der Mittelmeerküste südlich von Netanya, meistens laufen wir im Sand, manchmal am steinigen Strand. Oft treffen wir Rehe und Schakale, die sich über dieses seltsame Trüppchen wundern, welches sich in neonfarbigen Kleidern zu unmenschlichen Tageszeiten in ihr Revier verirrt. Jedesmal bestaunen wir die Sonnenaufgänge. Für mich gibt es keine schönere Art, den Tag zu beginnen. Unser Trainer Irmi, der in jüngeren Jahren zur Laufelite Israels gehörte, ist ziemlich, tja, wie soll man sagen - sportverrückt. Sp…

Gesund

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Ich muss gesünder leben. Zum Beispiel, kein Fleisch mehr essen. Schlecht geht es mir deswegen noch lange nicht.


Briefpost

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Übermorgen feiert mein Sohn seinen neunzehnten Geburtstag. Schon anlässlich seines letzten Wochenendurlaubs teilte er uns mit, dass er an seinem Geburtstag wohl kaum zu Hause sein werde, sondern erst am Freitag danach. Ich muss es akzeptieren, wir können ja auch einen Tag später noch feiern. Ich hoffe für ihn, dass er mit seinen Freunden und den Menschen, die ihn jetzt umgeben, einen schönen Tag verbringen wird. Nun hat aber sein Smartphone den Geist aufgegeben, es wurde uns gestern von einem Kollegen, der vorbeireiste, überbracht, damit wir es möglichst schnell zur Reparatur bringen. Das bedeutet – unterdessen kein Kontakt! Ich werde ihn weder anrufen und ihm gratulieren, noch wenigstens ein paar Geburtstags-emojis per Whatsapp senden können. Das ist dann doch ein wenig hardcore.

Wie Mütter so sind, kommt mir mitten in der Nacht – im Schlaf – der Geistesblitz: die gute alte Post! Am Morgen setzte ich mich vor einen Bogen Papier, schreibe ein paar Geburtstagsgrüsse darauf, klebe mit e…

Zeit

Dass die Zeit in Israel nicht gerade mit schweizerischen Maßstäben gemessen wird, ist mir schon lange klar. Wenn ich zum Beispiel Gäste einlade, gebe ich meistens schon gar keinen Zeitpunkt mehr an, es kommt ja doch jeder, wann es ihm passt.

In Eilat, der südlichsten Urlaubsstadt Israels, sind die Zeitverhältnisse noch etwas lockerer. Daran werde ich bei unserem Tauchurlaub Ende Juli erinnert. Und in den Tauchklubs, das ist allgemein bekannt, herrschen ganz besondere Verhältnisse. Als ich am ersten Tag für den zweiten Tauchgang fast zwei Stunden auf die Tauchlehrerin warte, drängt sich mir der Vergleich mit den Amundawa auf: ein Volk am Amazonas, das keine Vorstellung von Zeit hat. Ihnen fehlen folglich auch Wörter für morgen und gestern. Ihr Leben richtet sich vollständig nach dem Lauf der Sonne.

Auch hier läuft einfach alles, wie es gerade kommt. Die Agenda mit den wöchentlich geplanten Tauchgängen, die in fast jedem Tauchklub an der Wand hängt, stammt aus dem Jahr 1973 und war dam…